Internationaler Gedenktag für Opfer von Erdbeben
Erdbeben verstehen, Risiken reduzieren, Leben schützen
Der 29. April wurde im Jahr 2025 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) auf Initiative der Regierungen von Chile, den Philippinen und Usbekistan als Internationaler Gedenktag für die Opfer von Erdbeben ausgerufen. Ziel dieses Tages ist es, an die Menschen zu erinnern, die durch Erdbeben ihr Leben verloren haben, und gleichzeitig das Bewusstsein für Erdbebenrisiken und Vorsorgemaßnahmen zu stärken.
Im Zusammenhang mit diesem Gedenktag hat auch die wissenschaftliche Vereinigung IASPEI (International Association of Seismology and Physics of the Earth’s Interior) als Teil der Internationalen Union für Geodäsie und Geophysik (IUGG) auf die zentrale Rolle der Seismologie in der Erdbebenvorsorge hingewiesen und zu verstärkten Bildungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen aufgerufen.
Zur Erdbebenvorsorge zählen unter anderem Vorbereitungen im Haushalt, Frühwarnsysteme, Informationen für die Bevölkerung zum richtigen Verhalten (siehe Verhaltensratgeber unter weiterführende Links) während eines Erdbebens sowie die rasche Reaktion von Einsatzkräften nach einem Ereignis.
Erdbeben lassen sich nicht verhindern – ihre Auswirkungen können jedoch durch wissenschaftliches Verständnis, kontinuierliches Monitoring und geeignete Vorsorgemaßnahmen deutlich reduziert werden.
Um die Auswirkungen von Erdbeben besser einordnen zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie sie entstehen.
Erdbeben sind ein natürlicher Bestandteil der Dynamik unseres Planeten. Aufgrund der Bewegung großer tektonischer Platten (mit Geschwindigkeiten von bis zu 15 cm/Jahr) wird hoher Druck auf die Gebiete an den Plattenrändern (z.B. Subduktionszonen) und dahinterliegende Gebiete ausgeübt.
Sie entstehen, wenn sich entlang von Plattengrenzen oder bestehenden geologischen Bruchzonen enorme Spannungen im Gestein aufbauen und sich schließlich ruckartig lösen. Dabei verschieben sich Gesteinsblöcke plötzlich gegeneinander, und ein kleiner Teil der gespeicherten Energie wird in Form seismischer Wellen freigesetzt.
Wo solche Prozesse besonders häufig auftreten, zeigt sich im globalen Erdbebengeschehen: Rund 80 % der weltweit freigesetzten seismischen Energie konzentrieren sich entlang des Pazifischen Feuerrings.
Zu besonders erdbebengefährdeten Regionen zählen unter anderem die Westküsten Nord- und Südamerikas, Japan, Indonesien sowie der Mittelmeerraum mit Ländern wie der Türkei, Griechenland oder Italien.
Erdbeben haben in der Geschichte immer wieder zu schweren Katastrophen geführt. Einige der bedeutendsten und folgenreichsten Ereignisse sind in der folgenden Übersicht zusammengestellt.
Auch in Österreich kam es in der Vergangenheit vereinzelt zu Todesopfern im Zusammenhang mit Erdbeben. So ist bekannt, dass bei den Erdbeben bei Ried am Riederberg (1590), Hall in Tirol (1670), Innsbruck (1689), Arriach (1690) oder Puchberg (1939) Menschen ums Leben kamen.
Die Beispiele verdeutlichen, dass die Auswirkungen von Erdbeben nicht nur von deren Stärke, sondern auch von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängen.
Die meisten Todesopfer bei Erdbeben entstehen nicht direkt durch das Beben selbst, sondern durch seine Folgen (siehe Tabelle). Die häufigste Ursache sind einstürzende Gebäude infolge schlechter oder ungeeigneter Bauweise. Neben dem Versagen von Bauwerken – einschließlich Dämmen – können in Folge der Erschütterungen auch Tsunamis, Brände und Hangrutschungen weitere Ursachen für schwere Schäden und Opfer sein.
Auch in Österreich zeigen sich typische Schadensbilder: Dazu zählen herabstürzende Dachziegel, Kamine sowie andere hochaufragende Bauteile und Fassadenelemente, die insbesondere für Menschen im Freien in unmittelbarer Gebäudenähe eine große Gefahr darstellen. Im Allgemeinen gilt der Bestand an älteren und historischen Gebäuden als besonders anfällig gegenüber Erdbebenerschütterungen.
Ein wesentlicher Faktor zur Reduktion von Schäden und Opfern ist daher die erdbebensichere Bauweise. In Österreich wird diese durch entsprechende Normen geregelt, insbesondere durch den Eurocode 8 (ÖNORM EN 1998-1). Diese Norm enthält Vorschriften sowohl für die Ausführung neuer Bauwerke als auch für die Verbesserung der Erdbebensicherheit bestehender Hochbauten und stellt damit einen zentralen Bestandteil der Erdbebensicherheit dar.
Darüber hinaus sind eine rasche Hilfeleistung sowie gut vorbereitete Einsatzmaßnahmen entscheidend, um Opferzahlen nach einem Erdbeben möglichst gering zu halten.
Auch Erdbeben, die in großer Entfernung auftreten, sind für europäische Institutionen von Bedeutung. Um auf solche Ereignisse rasch reagieren zu können, ist eine enge internationale Zusammenarbeit notwendig.
Im Rahmen des EU-Multi-Hazard-Projekts ARISTOTLE unterstützt der Erdbebendienst der GeoSphere Austria gemeinsam mit Partnerinstitutionen aus mehreren Ländern das Emergency Response Coordination Centre (ERCC) der Europäischen Kommission in Brüssel.
Dabei werden die Auswirkungen von Naturereignissen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Tsunamis, Überschwemmungen und Extremwetter analysiert und bewertet. Ziel ist es, eine fundierte Grundlage für Entscheidungen im Krisenfall zu liefern und gegebenenfalls internationale Hilfsmaßnahmen zu unterstützen.
Dieser interdisziplinäre Ansatz verbindet verschiedene Fachbereiche und trägt dazu bei, Risiken frühzeitig zu erkennen und die Auswirkungen von Naturkatastrophen besser einzuschätzen.
Österreich zählt zu den „moderat“ erdbebengefährdeten Bereichen Mitteleuropas und weist eine kontinuierliche seismische Aktivität auf. Jährlich werden rund 1000 bis 2000 Erdbeben instrumentell registriert, etwa 50 bis 100 davon werden von der Bevölkerung wahrgenommen. Die meisten Beben machen sich durch ein deutliches Rütteln bemerkbar, doch etwa alle zwei bis drei Jahre muss in Österreich auch mit leichten Gebäudeschäden durch ein stärkeres Erdbeben gerechnet werden.
Grundsätzlich können beinahe überall in Österreich Erdbeben vorkommen. Wie sich in der Karte mit Epizentren aller Erdbeben seit 2000 deutlich abzeichnet, liegen die meisten Erdbeben jedoch im Bereich der bedeutenden tektonisch aktiven Bruchzonen. Dazu gehören:
- Wiener Becken
- Semmering und Umgebung
- Mur- und Mürztal
- Inntal und Seitentäler
- Rheintal in Vorarlberg
Auch in einem Gebiet mit moderater Seismizität ist eine kontinuierliche Überwachung notwendig, um das seismische Geschehen zuverlässig zu dokumentieren und einzuordnen. Um Erdbeben und andere Erschütterungen in und außerhalb Österreichs zu registrieren, betreibt der Österreichische Erdbebendienst ein seismisches Messnetz.
Erdbeben machen nicht an Landesgrenzen halt. Deshalb arbeitet die GeoSphere Austria eng mit den seismologischen Diensten der Nachbarländer zusammen und tauscht kontinuierlich Messdaten aus. Durch die Einbindung von Stationen im Ausland stehen zusätzliche Daten zur Verfügung, die eine deutlich genauere Bestimmung von Erdbebenherden ermöglichen.
Das österreichische Erdbebenmessnetz ist damit Teil eines europäischen Beobachtungssystems und trägt zur internationalen Erdbebenüberwachung bei, indem Daten auch an globale Datenzentren weitergegeben werden.
Der Internationale Gedenktag für die Opfer von Erdbeben erinnert daran, dass hinter jeder Opferzahl menschliche Schicksale stehen.
Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen oder verhindern. Doch durch wissenschaftliches Verständnis, kontinuierliches Monitoring und gezielte Vorsorgemaßnahmen können ihre Auswirkungen reduziert und Risiken besser eingeschätzt werden.
Ein zentraler Bestandteil dieses Austauschs ist auch die regelmäßige Zusammenarbeit innerhalb der Fachgemeinschaft: So findet alle zwei Jahre im deutschsprachigen Raum die D-A-CH-Tagung für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik statt, bei der Expertinnen und Experten aus Seismologie, Erdbebeningenieurwesen sowie Boden- und Baudynamik zusammenkommen, um aktuelle Erkenntnisse zu diskutieren und weiterzuentwickeln.
Erdbeben zu verstehen bedeutet, Risiken zu reduzieren – und Leben zu schützen.



